Blog / Digitalisierung
Digitalstrategie im Mittelstand: Roadmap statt Projektliste
Wie du Prozesse, Daten und Systeme ehrlich analysierst und daraus eine Digitalstrategie im Mittelstand baust: mit Prioritäten, Budget und Verantwortlichen.

Inhalt
Eine Digitalstrategie im Mittelstand ist keine Liste von IT‑Projekten. Sie ist die Entscheidung, was zuerst kommt, was es kosten darf und wer es verantwortet. Sie beginnt mit einem ehrlichen Blick auf Prozesse, Daten und Systeme und endet in einer Roadmap, die Budget und Kapazität kennt.
Wie ich dabei vorgehe und woran Digitalisierungsprojekte in der Praxis meistens hängen bleiben, steht in diesem Beitrag.
Die Lage: weniger Projekte, weniger Budget
Die Zahlen sind ernüchternd. Laut KfW-Digitalisierungsbericht Mittelstand 2025, erschienen im April 2026, haben im Zeitraum 2022 bis 2024 nur noch 30 % der mittelständischen Unternehmen ein Digitalisierungsvorhaben abgeschlossen. Das sind 5 Prozentpunkte weniger als in der Erhebung davor. Die Ausgaben für Digitalisierung sanken im Jahr 2024 auf 23,8 Mrd. Euro, ein Minus von 8,1 Mrd. Euro gegenüber 2023.
Zum Vergleich: Für klassische Investitionen in Maschinen und Anlagen gab der Mittelstand 2024 laut KfW rund 256 Mrd. Euro aus, also knapp elfmal so viel. Die KfW sieht den Hauptgrund in der schwachen Konjunktur. Das ist nachvollziehbar. Wenn die Aufträge fehlen, wird zuerst geschoben, was nicht sofort Umsatz bringt.
Wichtiger finde ich einen anderen Befund aus demselben Bericht. Der Anteil der Unternehmen mit einer unternehmensweiten Digitalisierungsstrategie liegt laut KfW „auf einem überschaubaren Niveau“. Die Masse geht Digitalisierung „weniger auf einer systematischen als auf einer ad-hoc-Basis an“. Gleichzeitig geben Unternehmen, die strategisch vorgehen, mehr für Digitalisierung aus und setzen anspruchsvollere Vorhaben um.
Meine Lesart: Wenn das Budget kleiner wird, wird Strategie nicht unwichtiger. Sie wird wichtiger. Mit weniger Geld kannst du dir weniger Fehlversuche leisten.
Digitalstrategie im Mittelstand ist keine IT‑Projektliste
In vielen Unternehmen gibt es eine Liste. Neues ERP, ein Dokumentenmanagement, die Website, ein KI‑Pilot, irgendwann die Zeiterfassung. Jeder Punkt für sich ist vernünftig. Zusammen sind sie keine Strategie.
Eine Liste beantwortet die Frage, was man machen könnte. Eine Strategie beantwortet die Frage, was man machen sollte und was nicht. Der Unterschied zeigt sich an drei Stellen:
- Sie beginnt beim Geschäft, nicht bei der Software. Wo verliert ihr Marge, Zeit oder Kundschaft? Welche Abläufe hängen an einzelnen Personen? Die Technik kommt danach.
- Sie streicht. Eine Liste wächst mit jedem Meeting. Eine Strategie sagt auch, was in den nächsten zwei Jahren bewusst liegen bleibt.
- Sie kennt Abhängigkeiten. Ein KI‑Projekt auf unsauberen Stammdaten scheitert nicht an der KI. Es scheitert an den Daten. Also kommen die Daten zuerst.
Digitalisierung und KI sind keine IT‑Projekte mehr. Sie sind Chefsache. Die IT setzt um, aber die Richtung muss die Geschäftsführung vorgeben. Wie KI in dieses Bild passt, habe ich in einem eigenen Beitrag zur KI‑Strategie im Mittelstand beschrieben.
Ist-Analyse: Prozesse, Daten, Systeme
Bevor du eine Digitalisierungsroadmap erstellst, brauchst du ein ehrliches Lagebild. Nicht 80 Seiten, sondern wenige Seiten, die jeder im Führungskreis versteht. Ich schaue dafür auf drei Ebenen.
Prozesse
Wo wird doppelt erfasst? Wo wird ausgedruckt, abgetippt, per Mail nachgefragt? Wo gibt es Excel-Listen, die neben dem eigentlichen System geführt werden, weil das System nicht liefert, was gebraucht wird? Die besten Antworten kommen selten aus der Führungsebene. Sie kommen von den Leuten, die den Ablauf jeden Tag machen.
Daten
Wo liegt die Wahrheit über Kunden, Artikel, Preise und Aufträge? Wenn die Antwort „kommt drauf an“ lautet, ist das schon ein Ergebnis. Saubere Stammdaten sind unspektakulär, aber fast jedes spätere Vorhaben hängt an ihnen.
Systeme
Welche Systeme sind im Einsatz, wer betreut sie, wie sind sie verbunden? Wann laufen Verträge aus, wo steht ein Versionswechsel an? Und wo hängt das Wissen an einer einzigen Person, intern oder beim Dienstleister? Diese Fragen klingen technisch. Ihre Antworten sind es nicht. Sie entscheiden, wie viel Spielraum du in den nächsten Jahren hast.
Am Ende der Ist-Analyse steht kein Urteil, sondern eine Grundlage: Was funktioniert, was bremst, was ist riskant.
Die Roadmap: Prioritäten, Budget, Verantwortliche
Aus dem Lagebild wird die Roadmap. Sie ist das Dokument, an dem sich alle orientieren. Damit sie im Alltag trägt, braucht sie mehr als eine Zeitleiste.
- Vorhaben an Zielen messen. Jedes Vorhaben muss sich auf ein Unternehmensziel zurückführen lassen. Was das nicht schafft, fliegt raus oder wartet.
- Priorisieren nach Nutzen, Aufwand und Abhängigkeit. Manche Vorhaben sind nicht die wichtigsten, müssen aber zuerst kommen, weil andere auf ihnen aufbauen.
- Budget ehrlich rechnen. Lizenzen und Hardware sind der kleinere Teil. Laut KfW entfallen nur 37 % der Projektkosten bei Digitalisierungsvorhaben auf materielle Investitionen. Der Rest ist Arbeit, auch eure eigene. Plane die interne Zeit mit ein, sonst plant die Roadmap mit Leuten, die es nicht gibt.
- Eine verantwortliche Person je Vorhaben. Nicht „die IT“, nicht „das Team“, sondern ein Name. Idealerweise aus dem Fachbereich, der am Ende damit arbeitet.
- Kapazität prüfen. Wie viele Vorhaben kann euer Unternehmen parallel neben dem Tagesgeschäft stemmen? Meistens weniger, als die Liste vorsieht.
- Regelmäßig nachsteuern. Ich empfehle einen groben Horizont von 18 bis 24 Monaten und eine genaue Planung für die nächsten zwei Quartale. Einmal im Quartal wird geprüft, was erreicht ist und was sich geändert hat.
Wenn Förderprogramme infrage kommen, gehören sie in die Budgetplanung, nicht an den Anfang. Ein Vorhaben wird nicht richtig, weil es gefördert wird. Welche Programme es in Bayern gibt, fasse ich im Beitrag zur Förderung von Digitalisierung und KI in Bayern zusammen. Das ersetzt keine Förderberatung.
Warum Digitalisierungsprojekte scheitern
Die KfW nennt als Hemmnisse unter anderem Schwierigkeiten bei der Umstellung vorhandener IT‑Systeme und bei der Anpassung der Arbeits- und Unternehmensorganisation. Dazu kommen fehlende IT‑Fachkräfte und zu wenig Digitalkenntnisse in der Breite der Belegschaft. Das deckt sich mit dem, was ich sehe. Digitalisierungsprojekte scheitern selten an der Technik. Sie scheitern an der Organisation.
Die typischen Muster:
- Das Projekt wird an die IT delegiert. Die Geschäftsführung gibt den Auftrag und taucht erst zur Abnahme wieder auf. Dann fehlen die Entscheidungen, die nur sie treffen kann.
- Der alte Prozess wird digitalisiert, nicht verbessert. Ein umständlicher Ablauf wird im neuen System genauso umständlich, nur teurer.
- Zu viel auf einmal. Drei große Vorhaben parallel, dieselben Schlüsselpersonen in allen dreien, dazu das Tagesgeschäft. Am Ende wird keines fertig.
- Niemand fühlt sich zuständig. Ohne eine verantwortliche Person versanden Projekte zwischen den Abteilungen.
Change Management in der Digitalisierung
Change Management klingt nach Beraterwort. Gemeint ist etwas Einfaches: Die Menschen, die mit dem neuen System arbeiten sollen, müssen verstehen, warum, und es können. Was in der Praxis hilft:
- Betroffene früh einbinden, vor der Systemauswahl und nicht erst bei der Schulung.
- Key-User benennen, die im Projekt mitarbeiten und später erste Ansprechpersonen sind.
- Schulung in der Arbeitszeit, mit echten Fällen aus dem eigenen Betrieb.
- Alte Wege bewusst abschalten. Solange die Excel-Liste weiterläuft, wird sie benutzt.
- Als Geschäftsführung sichtbar bleiben. Wenn die Spitze das neue System selbst nicht nutzt, nutzt es auch sonst niemand ernsthaft.
Sparring, Workshop oder Begleitung?
Nicht jedes Unternehmen braucht dieselbe Unterstützung. Ich arbeite in drei Formaten.
Sparring. Ein festes Gegenüber für die Geschäftsführung: ein halber Tag im Monat, dazwischen kurze Wege für Entscheidungen, die man nicht allein treffen will. Passt, wenn ihr die Umsetzung selbst steuert und jemanden sucht, der nachfragt.
Workshop. Ein Thema, ein Tag, ein Ergebnis. Mit Führungskreis oder Vorstand, inklusive Vorbereitung und schriftlicher Zusammenfassung. Passt, wenn eine konkrete Frage geklärt werden muss, etwa die Prioritäten für die nächsten zwei Jahre.
Begleitung. Projektweise, vom Lagebild bis zur Umsetzung, über Monate und als Teil des Teams. Passt, wenn die Digitalstrategie erst entstehen soll und danach jemand mit am Tisch sitzt, bis sie im Alltag trägt.
Mehr dazu findest du unter Beratung.
Häufige Fragen
Was ist der Unterschied zwischen Digitalstrategie und Digitalisierungsroadmap?
Die Digitalstrategie legt fest, wohin ihr wollt und warum. Die Roadmap übersetzt das in Vorhaben mit Reihenfolge, Budget und Verantwortlichen. Ohne Strategie ist die Roadmap eine Projektliste, ohne Roadmap bleibt die Strategie ein Papier.
Wie lange dauert es, eine Digitalisierungsroadmap zu erstellen?
Ein Lagebild mit Prioritäten liegt in der Regel nach wenigen Wochen vor. Wie lange es genau dauert, hängt von der Größe des Unternehmens und der Zahl der Gespräche ab. Die Roadmap selbst wird danach laufend fortgeschrieben.
Braucht auch ein kleines Unternehmen eine Digitalstrategie?
Ja, nur kürzer. Gerade wenn Budget und Personal knapp sind, lohnt es sich, vorher zu klären, welche zwei oder drei Vorhaben wirklich zählen. Eine Strategie kann auf zwei Seiten passen.
Gehört KI in die Digitalstrategie?
Ja, als Teil davon und nicht als eigenes Paralleluniversum. KI braucht saubere Daten und klare Prozesse. Beides ist ohnehin Thema einer guten Digitalstrategie.
Wenn du wissen willst, wo dein Unternehmen steht und was zuerst kommen sollte, lass uns reden. Du schilderst die Lage, ich frage nach. Erstgespräch vereinbaren

Geschrieben von
Moritz Grellner
Strategieberatung für Digitalisierung & KI · Designstudio. Seit mehr als eineinhalb Jahrzehnten an der Seite von Geschäftsführungen, zwischen Zahlen, Prozessen und Gestaltung.
Mehr über mich→Weiterlesen

KI · 9 Min
AI Act nach dem KI‑Omnibus: Was der Mittelstand tun muss
Was der KI-Omnibus am AI Act geändert hat, welche Fristen bis 2028 gelten und was Art. 4 und Art. 50 heute für dein Unternehmen im Mittelstand bedeuten.

FÖRDERUNG · 7 Min
Förderung für Digitalisierung und KI in Bayern 2026
Welche Förderung für Digitalisierung und KI in Bayern 2026 noch läuft, was ab 50 Mitarbeitenden bleibt und an welchen Fehlern Anträge oft scheitern.